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Der abgeschlossene Roman (3)

Anselm war enttäuscht, nein, mehr als das: Es waren Tage wie dieser, die ihn an allem zweifeln ließen: am Sinn dieser langen und entbehrungsreichen Jahre am Geobotanischen Institut, an der trügerischen Freundschaft zu seinem Mentor Ulf und – ja, dies nicht zuletzt – an den Frauen. War es nicht einzig und allein Anselms steten und beharrlichen Anstrengungen geschuldet, dass die Züchtung der Bellis Perennis Anselmis, des Riesenhaften Gänseblümchens, schlussendlich doch noch gelang? Dass sich die Fachpresse überschlug in Lobeshymnen und gar vom eigenen Lehrstuhl die Rede war? Für ihn, Anselm, den bedeutendsten Naturforscher seit Aimé Jaques Bonpland?

Es half nichts. Nicht er, sondern Ulf hatte nun mal den Schlag bei den Frauen. Anselm ließ sich nichts anmerken, nein, diese Genugtuung konnte er Ulf nicht gönnen. Schweigend zog er sich zurück, setzte sich in den Schatten und vertiefte sich in die Lektüre des großen Was blüht denn da?, dieser zugegebenermaßen reichlich populärwissenschaftlichen aber durchaus charmanten und opulent illustrierten Anthologie der heimischen Flora. Und, ach, daran hat er gut getan, so musste er wenigstens nicht mit ansehen, wie Ulf – der Lump! – sich nicht nur im Glanze der Bellis Perennis Anselmis sonnte, sondern auch in dem von Mareike und Esther (links im Bild), den beiden Austauschstudentinnen aus Tübingen.

Allein Esther schien zu ahnen, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging. Aber es wollte ihr einfach nicht gelingen, genauer hinzusehen, Ulf auch nur einen kurzen Blick zuzuwenden: Der Anblick herunterrutschender Socken auf weißen Männerbeinen mitten im Monat Mai war deutlich mehr, als sie ertragen konnte.

Foto: Philip Kromer

8 Antworten auf „Der abgeschlossene Roman (3)“

Sie sagen es, lieber Herr Schoss, aber manchmal sorgt dann doch das Leben selbst für Gerechtigkeit:

Dieses Paar Socken – es war eines von zweien, mit denen Ulf den gesamten Sommer bestritt! – verlor im Zuge der folgenden Waschgänge auch noch den letzten Rest seiner Passform. Der Mangel an Spannkraft ging schließlich so weit, dass sich die Socken irgendwann gegen Ende August von ganz alleine komplett über die Schuhe stülpten. Das sah nicht nur sehr albern aus, sondern sorgte auch dafür, dass Ulf auf dem frisch gebohnerten Linoleum im Dekanatstrakt so dermaßen was von ausrutschte, dass er den September im Sitzen verbrachte: daheim, allein, zu Recht.

das ausschlaggebeende detail deiner schlusspointe, lieber markus, kann ich so nicht stehenlassen! mir ist zwar nicht klar, in welchem jahrtausend du dieses szenario zeitlich verortest; moderne linoleumböden sind jedoch mit einer wasserbasierten schutzschicht gegen schmutz und gebrauchsspuren ausgestattet. ein aufwändiges „bohnern“ entfällt – dieses würde die in arbeitsräumen und flurzonen geforderte rutschsicherheit (siehe detail schlusspointe) gefährden! ich weiß, was du einwenden (oder einwänden?) willst; ja, es gibt beispielsweise noch in der vordereifel rechtschaffene hausfrauen, die diesen technischen fortschritt nicht wahrhaben wollen und die körperliche unversehrtheit der eigenen sippe durch fortgesetzte bohner- und moppaktivitäten bis zum heutigen tag gefährden.
bitte frage dich doch ‚mal – und auch die werten kommentierenden kollegen – was ulfs attraktivität ausmacht? sein ohrschmuck und die socken sind es nicht – geschenkt. warum findet er trotzdem einen fotografen und zwei attraktive frauen, die mit ihm posieren? warum ist dieses foto entstanden? hierauf habe ich noch keine antwort gefunden…..

Du ahnst es schon: Weil er einfach so unbeschreiblich gut riecht.

Und obwohl ein Mopp Ulfs zweitbester Freund in frühen Tagen war, hat er die Kenntnis um die trügerische Schönheit eines frisch gebohnerten Korridors im entscheidenden Moment doch verdrängt; sei es aus Liebe, sei es aus Gier … wir werden es wohl nie erfahren.

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