Keine Zeit.

Notiz vom 16. Juni 2007 in Leben | 3 Kommentare

Foto: flickr.com/BottleLeaf

Heute steht mir der Sinn mal wieder nach ein wenig Selbsterkenntnis. Da ich aber davon ausgehe, dass ich nicht der einzige bin, dem es so ergeht, lasse ich das persönliche „ich“ beiseite und verallgemeinere mal ganz schamlos zum alles und alle umfassenden „man“:

Woran liegt es eigentlich, dass man mit dieser billigsten und einfallslosesten Ausrede von allen – „ich hatte leider keine Zeit“ – fast immer so mühelos und ungeschoren davonkommt? Dinge, die in zehn Minuten, höchsten zwei Stunden locker zu erledigen wären (na gut, vielleicht auch ein wenig mehr, aber darauf kommt es nicht an), scheitern an vorgeschobenem Zeitmangel. Lachhaft.

Tatsache ist, dass „keine Zeit“ in Wirklichkeit die geringste Rolle spielt. In Wahrheit vielmehr: „keine Lust“, „was besseres vorgehabt“, „anderes war mir wichtiger“, Trägheit, Faulheit, Müdigkeit, Frühlingsgefühle, Liebeskummer, Fernsehgucken, Musik machen, schlafen, lesen und 37 wunderbare Gründe mehr.

Kann man natürlich keinem so direkt sagen. Deshalb verschanzt man sich zum Beispiel hinter „du, boah, ich hab’ im Moment so dermaßen viel Arbeit, du, echt, …“ und – das ist überhaupt das beste daran – erntet dafür weder zweifelndes Stirnrunzeln noch ungläubiges Augenbrauenhochziehen. Nein, im Gegenteil: Man hat damit eine erstklassige Vorlage zum kollektiven Gejammer ausgespielt, gibt man seinem Gegenüber doch dadurch die Möglichkeit, seinerseits das Klagelied des 36-Stunden-Tages anzustimmen. „Kenn ich, geht mir grad genauso …“ und schon ist man sich einig.

Praktisch. Aber trotzdem jämmerlich. Ich habe ja nichts gegen gewisse gesellschaftliche Konventionen (und um eine solche scheint es sich hier wohl zu handeln), schließlich tragen sie dazu bei, dass man im täglichen Leben miteinander klarkommt und sich nicht versehentlich die Schädel einschlägt. Warum aber ausgerechnet „keine Zeit“ im allgemeinen auf so breite Akzeptanz stößt, möchte ich irgendwann mal verstehen. Ich hätte ja auch gerne schon viel früher versucht, das herauszufinden, aber ich kam grad echt nicht dazu, weißt du, im Moment, boah, so dermaßen viel …

Ein Teufelskreis.



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3 Kommentare

  1. Wenn Worte zu schwach sind | Chillerstadt-Blog
    23. März 2009

    […] bleibt dabei: Wer etwas Wichtiges zu sagen hat, tut das am besten Auge in Auge. Sich die Zeit nehmen, hingehen, reden, hören, reagieren, in Echtzeit. Denn Kommunikation ist kein Fast-Food und […]

    Reply
  2. i.
    10. Februar 2010

    Also, liebster Markus,
    was mir zuallererst eingefallen ist, als ich das blog gelesen habe war: Max Weber’s Abhandlung „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. Ja. Ehrlich. Natürlich hatte ich während des Studiums keine Zeit ein Seminar zu Max Weber zu besuchen. Du weißt schon: Kinder, Küche, Feiern, äh stop… das Letzte passt natürlich nicht in den Rahmen…Aber irgendwo in meinem Hinterkopf war da noch was gespeichert. Und ich nehme mir jetzt – obwohl ich sie natürlich nicht habe – die Zeit, Dir meine verschlungenen Gedanken dazu zu formulieren. Die Ausrede „Ich hatte keine Zeit“ ist meines Erachtens Ergebnis einer der protestantischen Tugenden, die den Kapitalismus erst zum Erblühen gebracht haben. Nämlich Fleiß. Fleiß und Pflichtbewusstsein sind das perfekte Nährstoffsubstrat für das Gelingen der kapitalistischen Idee. Und der Kapitalismus ist ja, wie wir uns natürlich einig sind, in unseren Köpfen fest verankert. Jetzt steht das menschliche Wesen, je nach Veranlagung immer wieder vor dem Problem auch mal faul zu sein. Doch dies einzugestehen ist das im Kapitalismus groß gewordene Menschlein nicht gewöhnt. Bzw. es hat schon gelernt, dass dies bei der Mitwelt nicht so gut ankommt. Anerkannt ist jedoch, dass jemand so übermäßig fleißig ist, dass er für manches einfach keine Zeit hat. Dies wiederum machen sich genau solche Menschen gerne zu eigen, die ganz und gar nicht fleißig, sondern ausgesprochen faul sind. Da dies vielen öfter mal so ergeht, ist die Ausrede wie ein geheimes Übereinkommen, welches sich im Hinterhof des Kapitalismus entwickelt hat und ein jeder, oder fast jeder gerne mal hervorkramt um mal zu sagen: „Ich war zu träge, um dies oder jenes zu tun.“ Auffallend und stimmig mit dieser These ist dann auch die Tatsache, dass man diese Ausrede am häufigsten von jenen Leuten hört, die eigentlich viel Zeit aber keinen Bock haben…
    Andere Gesellschaften sind da eindeutig entspannter. Im Umgang mit Zeit. Aber ganz ehrlich: Da bin ich doch lieber Kind unserer Gesellschaft. Denn dieses „Komm ich heut nicht, komm ich morgen. Oder übermorgen. Oder garnicht.“ macht mich wahnsinnig….
    Grundsätzlich könnte man hier jetzt aber die Frage aufwerfen: Gibt es denn überhaupt Zeit?
    Aber dafür hab‘ ich nun wirklich keine Zeit…

    Reply
  3. markus
    10. Februar 2010

    Wow, vielen Dank!
    Sag ich doch: Eigentlich solltest Du bloggen, nicht ich.

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