„Ich schmecke junges Leder …“

Notiz vom 9. Juni 2008 in Leben | Kommentieren?

Foto: flickr.com/yourbartender

Aaaah! Recht frühreif, aber schon von Charakter! Ein starkes Rückgrat aus Walnuss und Erdbeere – blümerant, aber auf erdige, ehrliche Art. Ein Echo aus Lakritz hallt lange am Zäpfchen nach und seilt sich dann tief in die Speiseröhre ab. Ein Reifeton, der schmeckt wie eine alte Geige, die ein vertrautes Wiegenlied spielt. Der unvermeidliche Pfirsich, der in jedem Roten lungert, aber paniert mit mürbem Keks. Da ist Kerzenfett. Neuschnee. Spekulatius. Wenig Finesse, dafür eine burschikose Säure, die etwas breitschultrig ist an den Kanten, aber korrekt ins Holz nagelt. Ich schmecke junges Leder, rostiges Eisen, feuchten Teppich, Fensterkitt und Tannennadeln. Auch Gänsebraten und den Brombeerpudding meiner toten Großmutter. Der Körper hat Volumen, aber ich würde ihn nicht als dick, sondern eher als vollschlank bezeichnen, mit viel zu großen Füßen. Eine Olivenölspur schmiert seinen Abgang, welcher lang und breit ist, wie der Ton einer uralten Totenglocke, der in den unterirdischen Gewölben einer Katakombe verklingt, in der siebenhundert nackte Zwerge fasten.

Ich habe schon oft gestaunt, wie jemand in der Lage ist, einen Wein so zu beschreiben. Woher allerdings dieser Tropfen kommt, weiß allein der großartige und unbedingt lesenswerte Walter Moers, bzw. sein Schrecksenmeister.



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