Wie geht es Ihnen?

Notiz vom 27. Juni 2007 in Leben | 1 Kommentar

Prima!
In meiner kurzen Polemik über die billigste aller Ausreden habe ich sie bereits kurz erwähnt: die Konventionen, die unser tägliches Miteinander regeln. Vielleicht gehört das hier aber auch eher in die Welt der inhaltsleeren Sprachfüllsel. Egal, heute wird es schon wieder polemisch: Ich finde es höchst seltsam, dass jeder so tut, als sei er ernsthaft um das Befinden ausnahmslos aller seiner Mitmenschen besorgt. Wie sonst ist die Frage zu verstehen, die einem ständig um die Ohren saust: „Wie geht es Ihnen?“

Erwartet jemand ernsthaft eine aufrichtige Antwort? Nein, ich weiß, ich frag ja auch nur deshalb so spitzfindig, weil es mir – abhängig von der Tagesform – gelegentlich ein wenig auf den Kittel geht. Zur Strafe trompete ich dann ein gutgelauntes „Prima!“ durchs Telefon und damit ist dieses kurze kommunikative Warm-up auch schon beendet. Wer dann nicht nachhakt, hat eben keine ehrliche Antwort verdient gewollt.

Also alles halb so schlimm? Nein, ich denke nicht. Könnte man sich nicht bitte darauf verständigen, dass man nur fragt, wenn man’s wirklich wissen will? Warum muss man mit dieser doch eigentlich sehr freundlichen und aufmerksamen Geste so inflationär umgehen?

Manchmal muss ich mich beherrschen, nicht zum finalen Gegenschlag auszuholen, mit einer Antwort so in der Art wie „Oh, nett dass sie fragen. Tja, wo soll ich da wohl anfangen, also, gesundheitlich geht’s mir ja gut, bis auf den dicken Kopf heute Morgen, ist halt gestern bisschen spät geworden, haha, kennen Sie sicher, geht aber schon wieder, dochdoch, vor allem, wo ja jetzt das Wetter endlich besser ist, ich sag Ihnen, dieses dauernde Hin und Her – Regen, Sonne, warm, kalt, nass, trocken – das hält man ja im Kopf nicht aus, haha, im wahrsten Sinne des Wortes, gell, und man weiß auch nie was man anziehen soll und dann die ganze Arbeit im Moment, echt, so dermaßen viel zu tun, boah, weiß grad kaum, wo mir der Kopf steht, na, wenigstens ist ja zu Hause alles bestens, alle gesund und wohlauf und das ist ja schließlich die Hauptsache, jaha …“ Und genau in dem Stil nochmal mindestens drei Minuten weiter so. Besser fünf Minuten. Sechs. Und ich bin sicher: Zumindest dieser Anrufer würde sich sehr gut überlegen, ob er das beim nächsten Mal wirklich wieder fragen will. (Oder ob er jemals wieder bei mir anruft … Hab ich schon erzählt, dass ich eh nicht gerne telefoniere? Nein? Erzähl ich ein andermal.)

Also, mein Vorschlag:
Nur fragen, wenn die Antwort wirklich interessiert.
Sich dann Zeit nehmen, zuzuhören.
Und sich darüber freuen, dass man gerade etwas wesentliches, wichtiges und ehrliches über den anderen erfahren hat.



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1 Kommentar

  1. Steffi
    14. Juli 2007

    Hallo Markus!

    Das kann ich SO gut nachvollziehen. Besonders interessant sind die Reaktionen, wenn man statt mit einem erwarteten kurzen „Gut“ einfach mit „Sch****“ antwortet und dann ebenso schnell darüber hinweggeht, wie es beim „Gut“ der Fall wäre. Manchen Menschen fällt dann auf, dass die Frage doch etwas daneben war, sie überhören die Antwort so wie immer oder sie nehmen sie vielleicht zum ersten Mal wahr.

    Liebe Grüße
    Steffi

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